Utopie in Zeiten des Internets

Wir leben in spannenden Zeiten, vielleicht spannender als die unmittelbare Nachkriegszeit oder die 68er Revolution. Als ich und meine Altersgenossen in den 90ern aufwuchsen, hatten wir keine Vorstellung davon, dass wir eine Generation von Auserwählten waren. Erst Anfang der 2010er haben wir es begriffen: Wir sind die Letzten, die sich an eine Zeit vor der Digitalisierung noch bewusst erinnern können, die Letzten die Leben und Alltag noch ohne allgegenwärtigen Datenverkehr kennen. Wir sind mitten in einem historischen Umbruch. Die Frage ist: Ein Umbruch zu was?

Befinden wir uns vor den Toren einer futuristischen und utopischen Welt? Oder stehen wir vor dem Zusammenbruch unserer politischen und sozialen Ordnung?

Digitale Utopie?

Vielleicht sind wir an der Schwelle zur digital-technischen Utopie, in der es keinen Mangel, keine Zwangsgewalt, keine Grenzen für Kreativität und Selbstverwirklichung mehr gibt. Weil jeder zu jeder Zeit Zugriff auf alle Informationen der Menschheit hat, werden Ressourcen optimal verwaltet. Selbstfahrende Autos transportieren uns von jedem Startpunkt zu jedem Ziel. Alles was wir zum Leben brauchen, wird uns nach hause geliefert oder am heimischen 3D-Drucker ausgedruckt. Weil Roboter und Computerprogramme einen Großteil aller Arbeit erledigen, haben wir viel mehr Freizeit. Diese Zeit nutzen wir, um uns mit Anderen zu vernetzen, kreative Projekte zu schaffen, uns weiterzubilden und für gesellschaftlich solidarische Arbeit.

… oder digitale Dystopie?

Doch vielleicht stehen wir auch vor dem Niedergang unserer Zivilisationsordnung. Durch Digitalisierung und Automatisierung wird ein Großteil unserer Arbeitskräfte nicht mehr benötigt. Diese Menschen rutschen in Arbeitslosigkeit und Armut ab, verlieren alle Möglichkeiten zur Teilhabe an wirtschaftlichen und technischen Errungenschaften. Unsere Gesellschaft spaltet sich in Spitzenkräfte und Arbeitslose. Weil nur wenige Monopolisten wie Google, Facebook oder Amazon als Plattformen die Märkte und damit die Datenströme beherrschen, gewinnen sehr wenige Unternehmen die Kontrolle über gesellschaftliche Entwicklungen. Zugleich zerbricht die gemeinsame Medienöffentlichkeit in zahllose kleine Suböffentlichkeiten. Denn Google und Facebook kennen unsere Meinungen und Vorlieben genau und zeigen uns bewusst nur Medien und Inhalte, deren Standpunkten wir ohnehin zustimmen. Wir leben in einer Informationsblase und wissen bald nicht mehr, wie und worüber wir mit unserem Nachbarn reden sollen, der in einer anderen Blase lebt.

Wohin gehen wir?

Beide Szenarien liegen im Bereich des Möglichen. Was auch immer nun passiert ist das Ergebnis unseres Handelns und der Entscheidungen, die wir jetzt an diesem kritischen Wendepunkt der Menschheitsgeschichte treffen. Dieser Blog, Utopian Reflections möchte die gesellschaftlich-, sozialen- und politischen Veränderungen analysieren, die sich aus der Digitalisierung ergeben, um herauszufinden wie wir handeln müssen, um eine digitale Utopie und nicht etwa eine digitale Dystopie zu erreichen.

Fragen über Fragen?

Wie organisieren und verteilen wir die Gewinne aus Automatisierung und Digitalisierung? Wie regeln wir Mobilität, Bildung oder Handel im digitalen Zeitalter? Wie können wir Open Source-Technologie zum Gewinn der Allgemeinheit fördern und entwickeln? Wie gehen wir aber gleichzeitig mit den sozialen Folgen um, wenn Arbeitskräfte durch kostenlose Programme ersetze werden? Wie können wir die „abgehängte Generation“, die älteren und Technik-fernen mit auf die Reise ins Internet nehmen? Wie gestalten wir die Medienlandschaft der Zukunft? Wie garantieren wir, dass eine breite Öffentlichkeit über Foren und Gruppen, Blogs und soziale Netzwerke Zugang zu sehr speziellen Informationen erhält? Wie verhindern wir aber zugleich, dass einzelne Gruppen sich Gegenöffentlichkeiten bilden, nur noch Informationen zur Kenntnis nehmen, die sie hören wollen und sich so vom Rest der Gesellschaft abspalten? Wie gehen wir mit den großen Playern der Digital-Wirtschaft, mit Facebook, Google und Amazon um? Wie viel Einfluss wollen und müssen wir ihnen einräumen, damit sie ihre wirtschaftlich-gesellschaftlichen Aufgaben erfüllen können? Wann aber ist die Grenze erreicht? Wann müssen mündige Bürger die Hoheit über ihre Rechte, ihre Daten und ihre Digitale Autonomie entschieden zurückfordern? Wie muss der freie Zugang zu Kulturgütern im Internet organisiert werden? Sind unsere Gesetze über Kommunikation, Presse und Urheberrecht im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß? Und wie können wir in der Digitalisierung zu den USA aufschließen, die (man mag es als Deutscher hören wollen oder nicht) in fast all diesen Belangen wesentlich weiter sind als wir?

Machen wir uns auf…

All diese Fragen bedürfen einer Antwort und zwar nicht in den nächsten 10 Jahren sondern heute. Unsere Gesellschaft in das digitale Zeitalter zu führen, ist die größte Aufgabe unserer Zeit. Und es ist eine Aufgabe, die unserer Generation zufällt. Unsere Generation, die noch vor der Digitalisierung aufgewachsen ist und ihren Aufstieg Schritt für Schritt mitverfolgen konnte. Wir sprechen beide Sprachen, sowohl die der Digitale Natives als auch die der analogen Digitalisierungsskeptiker. Nur wenn es gelingt beide Gruppen zu mobilisieren, kann das Projekt digitale Utopie gelingen.

Vor mehr als 500 Jahren schrieb ein gelehrter Humanist namens Thomas Morus sein Epochenwerk „Utopia“. Er wusste nichts von Computern, nichts von Digitalisierung und wenig von technischem Fortschritt. Doch er entwarf eine brillante Gesellschaftsordnung: Einen Idealstaat in dem jeder Bürger nur wenige Stunden am Tag arbeiten muss und in seiner freien Zeit Wissen und Bildung erwerben kann. Ein Idealstaat in dem jeder Bürger nach seinen Fähigkeiten zum Gemeinwesen beitragen und seinen eigenen Karriereweg wählen kann.

Von dieser utopischen Realität sind wir heute nicht mehr weit entfernt. Es gilt jedoch wichtige Entscheidungen und Weichenstellungen zu treffen. Und damit sind sowohl politische Entscheidungen gemeint, wie auch die tagtäglichen unbewussten Grundsatzentscheidungen, eine Gewohnheit beizubehalten oder zu ändern.

Willkommen in der Zukunft.

Thomas Morus 2. Oktober 2015