Was bedeutet es konservativ zu sein?

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In den Medien ist das Wort „konservativ“ ein Unwort geworden. Die Gesellschaft muss schneller, muss flexibler, muss moderner werden. Der Mensch muss sich immer schneller, immer radikaler verändern, um mit dem Wandel Schritt zu halten. Konservative sind die ewig gestrigen, die sich dem Wandel verwehren, die für Intolleranz und veraltete Werte einstehen. Das sind die Urteile im medialen Diskurs… Doch stimmen sie?

„Ich bin konservativ“. Der Satz klingt komisch oder? Selbst von Politikern der großen konservativen Partei hört man ihn in Deutschland selten. Konservativ ist eher eine Fremd- als eine Eigenbezeichnung. „Wir sind mit Problem X leider immer noch nicht weiter. Es gibt zu viele Konservative, die eine Lösung noch verhindern.“ So in etwa klingt das Narrativ, das wir aus der Presse gewohnt sind. Doch was bedeutet es konservativ zu sein? Wer liberal ist, steht für Bürgerrechte ein und vertraut darauf, dass die Kräfte des Marktes aus einem Individuum das beste herausholen. Wer links ist, glaubt dass die Gesamtgesellschaft und der Staat eine starke Steuerungsfunktion brauchen, damit nicht egoistische Motive die Entwicklung bestimmen. Was aber ist Konservativismus?

Die historischen Wurzeln

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Die Hinrichtung von Marie Antoinette 1793. (von Charles Monnet) Hunderttausende auch völlig unbeteiligte starben während der Französischen Revolution unter der Guillotine.

Es geschah vor mehr als zweihundert Jahren, zu Zeiten der Französischen Revolution. In den ersten Jahren nach 1789 waren revolutionäre Fortschritte erzielt worden waren: Eine Verfassung, Bürgerrechte und Demokratie wurden etabliert. Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte war politischer und gesellschaftlicher Wandel so schnell von Statten gegangen. In ganz Europa jubelten die Intellektuellen. Doch was dann geschah, war die Pervertierung eines Traums: Denn Robespierre und der Wohlfahrtsausschuss kamen an die Macht. Unter dem Regime der „Terreur“ wurden 500.000 Menschen eingekerkert und mehr als 100.000 Menschen starben unter der Guillotine. Paris und ganz Frankreich wurden einer Schreckensherrschaft unterworfen, in der jeder Mensch zu jeder Zeit fürchten musste, das nächste Opfer der politischen Justiz zu werden.

Es war in dieser Zeit, in der überall in Europa ein Gespenst umging: Gleich ob im Hinterkopf des englischen Unterhaus-Abgeordneten Edmund Burke (1729-1797), im Schädel des preußischen Kriegsrats Friedrich von Gentz (1764-1832) oder in der Gedankenwelt des italienisch/französischen Richters Joseph de Maistre (1753-1821) im italienischen Königreich Savoien. Überall grub sich die Erkenntnis fest, dass radikale gesellschaftliche Veränderungen nicht notwendigerweise zu etwas gutem führen. Es war die Geburtsstunde des modernen Konservativismus.

Die Grundideen des Konservativismus

Die grundlegenden Prinzipien des Konservativismus zu beschreiben, ist schwierig, denn Konservative denken ihrem eigenen Grundverständnis nach wenig über grundlegende Prinzipien nach. Viele CDU-Politiker könnten wahrscheinlich nicht beantworten, was sie unter Konservativismus verstehen. Sehr wohl wüssten sie aber zu beschreiben, welche Entwicklung ihre Stadt, ihre Kommune, ihr Land oder ihre Behörde in den nächsten zehn Jahren machen soll. Konservative sind ihrem Selbstverständnis nach Praktiker. Sie suchen nach den optimalen Lösungen für konkrete Probleme, und scheren sich nicht darum, ob ihre Lösung in den Kontext einer einheitlich kohärenten Theorie passt. Hauptsache sie funktioniert.

Portrait von Edmund Burke von Sir Joshua Reynolds

Edmund Burke, Parlamentsabgeordneter und zeitweiliger Hauptverwalter der englischen Militärfinanzen. Vordenker des europäischen Konservativismus

Die ersten Autoren, die die Denkrichtung des Konservativismus entwickelten, kamen aus der politischen Praxis und auch heute sind überdurchschnittlich viele politische Funktionsträger auf allen Ebenen Mitglied der großen (mindestens dem Namen nach) konservativen Partei. Die Erfahrung in der politischen Praxis scheint sie gelehrt zu haben, dass große Gedanken- oder Ideologiegebäude für konkrete Entscheidungsprozesse nicht besonders hilfreich sind. Lieber blicken sie auf konkrete Entscheidungen.

Die Kultur des Konservativismus

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass Konservative nichts hätten, woran sie glauben. Konservative wollen die Lebensumstände, Traditionen und Gebräuche der Gesellschaft erhalten, in der sie leben und sie gegen radikalen Wandel zum schlechteren hin verteidigen. Gerade deshalb hat sich in Deutschland eine Form des Konservativismus entwickelt, die das Christentum hochhält und dem Grundprinzip der freien Marktwirtschaft folgt. Nicht weil diese Prinzipien Teil einer konservativen Ideologie wären, sondern weil sie sich in einem Jahrhunderte langen Prozess in der deutschen Gesellschaft bewährt haben.

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Mit diesem Herren sind deutsche deutsche Konservative ganz und gar nicht einverstanden: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Photo by theglobalpanorama

Ein Sozialisten und Liberale können sich über Länder- und Kulturgrenzen hinweg leicht verständigen: Die einen sagen, dass der freie Markt unabhängig walten soll. Die anderen, dass starke Regulation des Staates von Nöten ist. Beide Sätze bedeuten das gleiche, egal ob sie in Bolivien, Deutschland oder der Türkei ausgesprochen werden. Konservativ zu sein hingegen, bedeutet in jeder Kultur etwas anderes, weil jede Kultur andere Sitten, Traditionen und Gebräuche hat.

Strukturkonservativismus und Wertkonservativismus

Kein vernünftig denkendes Lebewesen wird die Entwicklung von Penicillin ablehnen, weil das Medikament mit der langen und alten Tradition bricht, das hunderttausende Menschen an Bakterieninfektionen sterben. Ein Konservativer, der seine Weltanschauung ernst nimmt, muss sich also fragen: Welche Traditionen sind wertvoll und erhaltenswert? Welche Neuerungen sind segensreich? Welche gehen in eine falsche Richtung und müssen verhindert werden? Es liegt auf der Hand, dass es tausende Mögliche Antworten auf eine solche Frage gibt: Hat das Massenphänomen Handy uns als Gesellschaft vorangebracht, weil wir unser Leben viel leichter von überall her organisieren können? Oder leidet unsere Freizeit und unser Familienleben, weil wir auch am Wochenende immer erreichbar sind? Hat uns das Internet generell klüger gemacht, weil wir mehr Informationen jederzeit abrufen können? Oder sind wir erschlagen durch die Vielzahl von Möglichkeiten und können die unendlichen Informationen nicht mehr filtern?

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Der Mann, der im 20. Jahrhundert am vehementesten an offensichtlich überlebten Strukturen festhielt, war kein Konservativer. Erich Honecker, Generalsekretär des Zentralkomitees der SED  Photo by Pw95

Strukturen können nicht erhalten bleiben, nur weil es sie gibt. Ebenso wenig können Neuerungen eingeführt werden, nur weil sie entwickelt wurden. Der Konservativismus fordert, dass die grundlegenden Werte einer Gesellschaft beibehalten werden müssen. Doch einzelne etablierte Strukturen können und müssen weichen, wenn sie dem großen Ganzen entgegenstehen.

Die Zukunft des Konservativismus

Ist Konservativismus noch Zeitgemäß? Kann es in Zeiten ungebremster, stetiger Veränderung noch eine vernünftige Position sein, den Ist-Zustand erhalten zu wollen?

Ich sage ja. Ich sage: Gerade in einer Zeit, in der technologischer Wandel die Gesellschaft immer schneller zu stetiger Veränderung treibt, brauchen die Menschen etwas, an dem sie sich festhalten können, etwas vertrautes, das ihnen Halt gibt. Die Herausforderung an den Konservativismus des 21. Jahrhunderts ist es, etwas zu liefern was erhaltenswert ist und bleibt.

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ThomasMorus1478

About ThomasMorus1478

Online Redakteur, Journalist und Blogger mit vielen Interessen. Studierter Historiker und Philosoph. Internet und Social-Media Freak. Literatur-verrückt und Youtube-abhängig. Schreibt sowohl Journalistisches als auch Belletristik.

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