Jugendliche, Medien und Verschwörungstheorien

Im Internet kursieren die krudesten Verschwörungstheorien: Bilderberger, Deutschland AG, Schlangenmenschen. In Foren, Facebook-Gruppen und Sub-reddits bilden ihre Anhänger kleine Information Bubbles und lassen keine Argumente außerhalb der eigenen Verschwörungstheorien mehr zu. Jugendliche und unerfahrene Mediennutzer sind besonders gefährdet. Was können wir tun?

lizard people photo

Nach einer verbreiten Verschwörungstheorie werden wir heimlich von Echsenmenschen kontrolliert. Photo „Bearded Dragon Lizard Eye“ by Clicksy

Die Illuminaten kontrollieren die Weltgeschichte. Der 11. September wurde von der US-Regierung inszeniert. Die Bilderberger planen die Errichtung einer „Neuen Weltordnung“. Und hinter all dem stecken Echsenmenschen-Kreaturen aus einer fremden Dimension. Wer sich im Web auf die Suche begibt, findet in wenigen Minuten die krudesten Verschwörungstheorien. Mit missionarischem Sendungsbewusstsein verbreiten ihre Anhänger sie in Sozialen Netzwerken. Wenn Außenstehende ihnen nicht glauben wollen, reagieren sie mit Ärger und Fassungslosigkeit.

Insbesondere im Milieu der Alt Right Bewegung kursieren Verschwörungstheorien mit rassistischen Untertönen: Die jüdische Bankierfamilie Rothschild hat die Finanzkrise ausgelöst. Die NSU-Morde wurden den Rechtsextremen nur in die Schuhe geschoben, um Verwicklungen der Geheimdienste mit organisierter Kriminalität zu vertuschen. Und Angela Merkel hat vor, die Deutsche Bevölkerung durch Flüchtlinge zu ersetzen.

Verschwörungstheorien als Ersatzreligion

Nonnen mit Heiligenschein verjagen die Ungläubigen

In der Vormoderne sorgte die Religion für eine einheitliche Ordnungsvorstellung bei den Menschen Photo by Internet Archive Book Images

Verschwörungstheorien sind kein neues Phänomen. Sie lassen sich seit dem 17. und 18. Jahrhundert nachweisen. Also zu Zeiten des Buchdrucks, des ersten wirklichen Massenmediums. Der Amerikanistik-Professor Michael Butter sieht im historischen Phänomen der Verschwörungstheorien eine Reaktion auf Säkularisierung und Aufklärung: In der Vormoderne stiftete die Religion einen größeren Ordnungsrahmen, in den die Menschen ihr Leben und das ganze Weltgeschehen einordnen konnten. Als die Religion wegfiel, brauchten sie ein neues allumfassendes Deutungsmuster. Die Welt, die Gesellschaft, das eigene Leben: All das musste doch einen versteckten, tieferen Sinn haben. Zu glauben, dass die ganze Welt sich gegen einen verschworen hat, mag erschreckend sein. Doch wohl nicht so erschreckend, wie sich einzugestehen, dass man die Welt nicht zur Gänze versteht.

Verschwörungstheorien im Web 2.0

Verschwörungstheorien wurden nicht im Internet geboren. Doch zweifellos haben sie hier einen fruchtbaren Nährboden gefunden. In Zeiten von Print-Medien, Fernsehen und Rundfunk gab es noch so genannte Gatekeeper. Um Medien zu verbreiten, war ein gigantischer Kapitalaufwand nötig. Wer also keinen großen Verlag oder Sender davon überzeugen konnte, die eigenen Texte, Bilder, Videos etc. zu veröffentlichen, der hatte keine Möglichkeit ein großes Publikum zu erreichen. Die Gatekeeper siebten den gröbsten Unfug aus der täglichen Medien-Erfahrung des Autonormalbürgers heraus. Dann passierte das Internet: Plötzlich konnte jeder User seine Meinung öffentlich machen. Sei es mit selbst betriebenen Web-Auftritten, in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram oder auf Plattformen wie Blogger, Soundcloud oder Youtube.

Die Logik der Sozialen Netzwerke fördert dabei Verschwörungstheorien: Die Algorithmen von Facebook, Google und Twitter berechnen auf Basis von Nutzervorlieben, welche Inhalte einem User gezeigt werden. Hat ein Nutzer also in der Vergangenheit viel über Verschwörungstheorien gelesen, werden ihm zukünftig vermehrt solche Artikel angezeigt. Anhänger von Verschwörungstheorien neigen außerdem dazu, sich vermehrt und irgendwann fast ausschließlich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Irgendwann sind dann Twitter-Feed, Facebook-Feed und Youtube-Vorschläge nur noch voll mit Freimaurern, Bilderbergern und Echsenmenschen. Aus der so genannten Information-Bubble gibt es kaum ein Entkommen: Wer täglich nur noch Verschwörungstheorien liest, dem werden andere Artikel und Informationen irgendwann unplausibel und fremdartig vorkommen. Zudem erlaubt das klare Gut/Böse-Schema von Verschwörungstheorien keine Kompromisse mit Andersdenkenden: Jedes Argument gegen die Verschwörungstheorie ist selbst Teil der Verschwörung.

Verbreitung von Verschwörungstheorien

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Photo „Stop Chemtrail“ Montréal 2013″ by Denis Bocquet

Es ist überraschend schwierig [ohne Zugriff auf eine wissenschaftliche Bibliothek] verlässliche Daten über die Verbreitung von Verschwörungstheorien in Deutschland zu finden. Vermutlich sind die Tendenzen jedoch nicht anders als in anderen westlichen Industrieländern: In Frankreich glauben 28% der Bevölkerung, dass die US-Regierung den 11. September inszeniert hat, um die Kriege in Irak und Afghanistan zu begründen. Der Anteil steigt je jünger die Befragten sind. Ähnliches zeigte sich 2013 bei einer Studie in den USA, bei der Amerikaner befragt wurden, ob sie an verschiedene Verschwörungstheorien glauben: An 13 der 20 abgefragten Theorien, glaubte die Altersgruppe der 18-30 Jährigen in erheblichem höherem Maße, als die Durchschnittsbevölkerung. Der Anteil der jüngeren Menschen, die Chemtrails und Echsenmenschen für real hielten, überstieg den Durchschnittswert um das Dreifache. [Studie ab S. 30 ]

In der Tendenz scheint die Generation der so genannten Digital Natives also anfälliger für Verschwörungstheorien zu sein als ältere Generationen. Es liegt nahe, dies auf die vermehrte Nutzung des Internets zurückzuführen. In keiner der beiden Umfragen wurden Jugendliche unter 18 Jahren befragt. Ich befürchte jedoch, dass der Anteil hier noch höher sein könnte.

Besonders gefährdet: Jugendliche

Warum ältere Menschen weniger zu Verschwörungstheorien neigen, lässt sich erklären: Je mehr Medien ein Mensch in seinem Leben konsumiert hat, desto eher hat er ein Gefühl dafür entwickelt, was seriös und glaubwürdig ist und was nicht. Jungen Internet Nutzern fehlt diese Erfahrung noch. Dabei ist die Fähigkeit Informationsquellen zu bewerten im Internet extrem wichtig geworden:

newspaper photoWer eine Zeitung in der Hand hatte, wusste bestimmte Dinge über die darin veröffentlichten Artikel: Sie waren von professionellen Journalisten verfasst und kamen aus einer Redaktion, deren politische Ausrichtung man grob einschätzen konnte. Wer hingegen auf einen Blog im Internet stößt, weiß zunächst nichts über den Verfasser. Und auch das Layout sagt nicht zwingend etwas über die Seriösität aus: Dank kostenloser Content Management Systeme wie WordPress oder joomla ist jeder halbwegs gebildete Europäer nach kurzer Einarbeitung in der Lage eine seriös wirkende Seite aufzubauen. Zu Print-Zeiten konsumierte ein Leser zudem gewöhnlich nur eine überschaubare Zahl an Medien: Über die Google-Suche und Empfehlungen in Sozialen Netzwerken lernen Internet-Nutzer heute hingegen ständig neue Medien kennen, deren Glaubwürdigkeit sie sofort einschätzen müssen.

Besonders schwierig dürfte es für junge Internetnutzer sein, den Wert von Informationen auf Plattformen wie Wikipedia einzuschätzen: Der Artikel zu einem Thema kann hier von einem Universitätsprofessor geschrieben worden sein, der nächste jedoch von einem Verschwörungstheoretiker. Beide Artikel werden auf der gleichen Plattform und im gleichen Layout veröffentlicht. Für den Nutzer ist der unterschiedliche Wert der Artikel zunächst nicht ersichtlich. Ein erfahrener, Medien-kompetenter Leser wird anhand von Stil, Inhalt und Argumentationsweise einschätzen können, ob ein Artikel glaubwürdig ist. Ein junger User wird das jedoch (noch) nicht können. Mit der Zeit gewinnen junge Internetnutzer natürlich Erfahrung im kritischen Umgang mit Informationsquellen. Es sei denn sie geraten bis dahin in eine verschwörungstheoretische Filter-Bubble, die keine Informationen von außerhalb mehr zulässt.

Veschwörungstheorien auf Youtube

Besonders viele Verschwörungstheorien tummeln sich leider bei Youtube. Die Videoplattform ist momentan das wichtigste Medium für Kinder und Jugendliche. In der JIM-Studie gaben 59% der Jugendlichen an sich regelmäßig bei Youtube über bestimmte Themen zu informieren. 9% der 12-19 Jährigen nutzen Youtube als Informationsquelle zur Bundespolitik. Ausgerechnet hier finden sich Verschwörungstheoretiker wie Ken Jebsen (140.000 Abbonenten), Jürgen Elsässer (Compact tv 43.000 Abbonenten) und der deutsche Ableger von Russia Today (70.000 Abbonenten). Noch gefährlicher ist jedoch die Vielzahl an kleinen Verschwörungstheoretiker Kanälen mit nur wenigen Abbonenten. Unter Social-Media-Managern ist bekannt, dass so genannte Micro-Influencer ihre Fans viel enger binden als Social-Media-Influencer mit höherer Reichweite. Besonders perfide sind Verschwörungstheorie-Formate, die offenbar direkt auf die Zielgruppe junger User zugeschnitten sind.

Gegenmaßnahme: Medienkompetenz

Um Medienkompetenz zu vermitteln gibt es kein Standard-Rezept. Binsenweisheiten wie „Traue nur Medien, die ihre Quellen angeben können“ sind im verschwörungstheoretischen Umfeld nicht viel Wert. Es gibt tausende und abertausende von Verschwörungstheoretiker-Blogs, die sich gegenseitig verlinken. Wenn die Jugendlichen die Glaubwürdigkeit des Original-Artikels nicht einschätzen konnten, werden sie wohl kaum die Quellen adäquat bewerten können. Und auch Pauschalaussagen wie: „Traue nichts, was bei Wikipedia steht“ sind keine sinnvolle Strategie. Die Kinder und Jugendlichen merken ja, dass Plattformen wie Wikipedia sehr wertvolle Informationen liefern können. Die Kunst besteht jedoch darin, verlässliche von nicht verlässlichen Informationen zu trennen. Kinder und Jugendliche nicht mehr im Internet nach Informationen recherchieren zu lassen, wäre die dümmste Strategie von allen: Nicht nur hätten sie dann keinen Zugriff mehr auf eine Vielzahl von differenzierten und qualitativ hochwertigen Medien. Sie könnten die notwendige Erfahrung im Umgang mit Medien auch niemals gewinnen.

Den Umgang mit Medien, kann man Kindern und Jugendlichen nur sehr schwer direkt über Medien selbst vermitteln. Vielmehr müssten Eltern und Lehrer mit den Jugendlichen an konkreten Beispielen arbeiten. Nur so können Schüler ein Gefühl dafür entwickeln, was glaubwürdig ist und was nicht. Die Vermittlung von Kompetenzen im Umgang mit Online-Medien müsste in der Schule einen höheren Stellenwert bekommen. (Egal ob durch Schaffung eines neuen Fachbereichs „Medienkompetenz“ oder im Rahmen des bisherigen „Deutsch-, Politik- oder Informatik-Unterrichts“. Das ist langfristig der einzig sichere Weg, um Jugendliche gegen Verschwörungstheorien zu immunisieren.

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Medienkompetenz können Kinder und Jugendliche nur im Umgang mit Medien lernen. Eltern und Lehrer könnten sie hierbei unterstützenPhoto Padcamp 2012 by Kevin Jarrett

Gegenmaßnahme: Counter Narratives

Was Medienschaffende jedoch kurzfristig tun können, ist so genannte Counter Narratives gegen die gängigen Verschwörungstheorien in Umlauf zu bringen. Hintergrundwissen zu den fraglichen Themen kann in einer Diskussion helfen: Jugendliche sollten wissen, wer die Illuminaten, die Freimaurer, die Bilderberger und die Rothschild-Familie wirklich sind, und wie viel (oder wie wenig) Einfluss sie tatsächlich haben.

Die Aufmerksamskeitsspanne ist heute bei allen Internetnutzern, und speziell bei Jugendlichen sehr niedrig. Sie wollen Medien nur noch konsumieren, wenn Informationen darin kurz und verständlich aufbereitet sind. Auch Counter Narrative müssen deshalb in Form von Super Content (Textblöcke, Infografiken, kurze Erklärvideos, Interaktive Webanwendungen) produziert werden, wenn sie ihre Zielgruppe erreichen sollen.

Ähnliches planen die Guerilla Historiker Moritz Hoffmann und Charlotte Jahnz gerade, um gegen Geschichtsfälschung vorzugehen. Auf einer Plattform wollen sie kurze Textblöcke zur Verfügung stellen, die gängige Fragen kurz und knapp beantworten. Zum Beispiel: „Wie viele Menschen starben bei der Bombadierung von Dresden?“ Diese Textblöcke geben Historikern einen Werkzeugkasten an die Hand: Entdecken sie in Sozialen Netzwerken eine Diskussion, in der geschichtliche Fakten geglättet werden, können sie die kurzen Textblöcke einfach verlinken. Mit fundierter Counter-Speech bei Facebook haben Hoffmann und Jahnz sehr gute Erfahrungen gemacht. Überzeugte Geschichtsfälscher zu überzeugen gelinge zwar nur sehr selten, doch die restlichen Diskussionsteilnehmer und Mitleser könne man so erreichen.

Fazit

Verschwörungstheorien sind eine unvermeidliche Begleiterscheinung des Internets. Als Menschen suchen wir unwillkürlich ständig nach Mustern und Erklärungen hinter großen Informationsmengen. Dabei gelangen wir schnell zu simplen Antworten, wenn wir uns nicht klar machen, dass die Welt komplex und vielschichtig ist. Die Logik der Sozialen Netzwerke befördert die Verbreitung von Verschwörungstheorien und begünstigt die Bildung von Information Bubbles, in denen sie gedeihen können. Besonders Jugendliche und User mit geringer Medien-Erfahrung sind gefährdet. Als langfristige Gegenmaßnahme wäre es hilfreich den Umgang und die Bewertung von Online Medien mit Schülern regelmäßig zu trainieren. Als kurz- und mittelfristige Lösung müssen wir Counter Narratives in Form von Super Content produzieren, um Verschwörungstheoretikern bei Diskussionen in Sozialen Netzwerken etwas entgegen stellen zu können. Wenn wir gegen Verschwörungstheorien nichts unternehmen, können sie nicht nur unsere Diskussionskultur nachhaltig schädigen. Es steht auch zu befürchten, dass sich Verschwörungstheoretiker irgendwann extrem radikalisieren und sogar gewalttätig werden könnten.

 

9 thoughts on “Jugendliche, Medien und Verschwörungstheorien

  1. Georg Lehle

    Sie verlinken auf meinem Blog „Friedensblick“. Ich wäre ein Verschwörungstheoretiker, weil ich behaupten würde, dass die „NSU-Morde (…) Rechtsextremen nur in die Schuhe geschoben“ wurden. Wenn Sie über Böhnhardt, Mundlos sprechen, dann würde ich auf Aussagen des Bundestags-Abgeordneten Clemens Binninger verweisen, der über die Täterschaft auch seine Zweifel hat.
    Sie verlinkten auf einen Artikel bei der ich aus polizeilichen Ermittlungsakten zitiere und aufzeige, dass fast alle Mordopfer vor der Tat bedroht wurden. Ein Teil der damaligen Ermittlungsergebnisse beruht auf diesen Aussagen der Opfer vor der Tat, die jetzt hartnäckig ignoriert werden. Das Tatmotiv ist politisch festgelegt und lautet: Rassismus.

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  2. ThomasMorus1478ThomasMorus1478 Post author

    Es tut mir Leid Ihnen das mitteilen zu müssen: Aber Ihr Artikel und Ihr ganzer Blog sind leider ein Musterbeispiel für die Szene der Neu-Rechten Verschwörungstheoretiker: In Ihren Artikeln werden in akribischer Kleinstarbeit tausende von Details aufgehäuft, sodass kein Mensch mit einem normalen Zeitpensum sie alle durcharbeiten könnte. Gleichzeitig fehlen in der Gesamtbetrachtung aber die „Elefanten im Raum“. Alles, was der eigenen Verschwörung widerspricht wird nicht zur Kenntnis genommen.
    Am allermeisten schockt mich aber, dass Sie allen ernstes in Zweifel ziehen wollen, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Rechtsextreme sind. Schon vor der NSU sind die beiden in den 90ern nachweislich Jahre lang in verschiedenen Rechtsextremen Gruppen aktiv gewesen, haben Rechtsrock-Musik vertrieben und illegal Waffen und Hakenkreuz-Flaggen gehortet. Bereits 1998 wurden in den Wohnungen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe Sprengstoff und Propaganda Material gefunden.

    Aber Sie können mir sicher aus dem Stand ein 5-Seitiges Dossier herunter-schreiben, weswegen genau die Polizei-Akten, aus denen das alles hervor geht, vollkommen unglaubwürdig sind. Im Gegensatz zu den Akten auf die Sie sich stützen. Versteht sich…

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    1. Georg Lehle

      Zu sagen Böhnhardt, Mundlos waren keine Rechtsextremisten wäre wirklich eine blöde Verschwörungstheorie, sind doch ihre Aktivitäten in den 90-er Jahren gut bekannt.

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  3. Neckarsulm

    Vielleicht wäre es auch manchmal gar nicht so schlimm, zu machen Themen einfach „keine Meinung“ zu haben, da selten eine „Ahnung“ notwendig zu sein scheint.
    Ihr Artikel bezieht sich auf eine gegenwärtig Problematik, die jetzt auch noch mit der Verunsicherung „Lügenpresse“ kombiniert werden kann. Welches Ergebnis ist dann zu erwarten? – Abgesehen von dem Institut für die einzige Wahrheit?

    Werden dann nicht die Informationsquellen generell gemieden, so dass wir uns endlich wieder um subjektive Konflikte kümmern können, notfalls mit religiösem Eifer?

    Ich bin mir sicher, daß es zu jeder Epoche der Menschheit und Wissensvermittlung Fälle des ungeprüften Glaubens, Irr- und Unglauben, gab. Und mit der Zeit reifen wir. Das meldet auch Ihr Artikel.

    Da sehe ich keine Notwendigkeit für zertifizierte Wahrheiten, nicht nur weil diese mir nach einem schönen Kostüm der Zensur erscheint, sondern weil die Mittel vorhanden sind, sich sachlich zu informieren.
    Und es gibt eine Vielzahl von Medienkonsumenten die nichts anderes wollen als zu konsumieren. Das Konsumverhalten lässt sich auch bei der Nahrung beobachten, zu viel, ungesund, zu wenig etc..
    Es ist unsere Dekade(-nz), unser Zeitgeist den wir zurück in die Flasche stopfen wollen.
    Dabei ist die Sehnsucht nach Erklärungen noch die angenehme Seite – im Vergleich zur totalen Ablehnung alternativer Realitätsmodelle, die dem Individuum den Zwang zur Perfektion abnehmen. Hedonismus, Egoismus, Nihilismus und dazu die Hormonschwankungen des Teenagers, … . Brisante Mischung. Aber irgendwoher müssen falsche Propheten ihr Gefolge nehmen.

    Es ist eine darwinistische Falle, in die viele rennen. Früher sind diese Menschen verhungert, weil sie nicht für den Winter vorgesorgt haben, oder haben sich selbst vergiftet, weil sie nicht aufgepasst haben, welcher Teil des Kugelfisches genießbar ist;)
    Heute sind diese Menschen einfach nur glücklich. Die digitale Demenz ist doch der Traum eines jeden Trinkers, der keinen Alkohol zu sich nehmen will. Living in a perfect bubble World.

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    1. ThomasMorus1478ThomasMorus1478 Post author

      Viele Interessante Gedanken über unsere Zeit, unseren Umgang mit Medien, die Conditio humania im 21. Jahrhundert und der menschlichen Wahrheitssuche allgemein. Da kommt man ins intellektuelle schwärmen…
      Der Kritik muss ich aber aufs schärfste widersprechen: Es geht mir keinesfalls darum zertifizierte Wahrheiten zu verkünden oder die Menschen durch Zensur zur „Perfektion“ zu zwingen. Politische oder weltanschauliche Differenzen müssen natürlich weiter geäußert und ausdiskutiert werden. Worüber ich in meinem Artikel jedoch Rede, das sind keine verschiedenen Weltanschauungen sondern „Pseudowissenschaften“ im Sinne von Karl Popper. Die Anhänger von Verschwörungstheorien bereichern ja nicht die öffentliche Diskussion, sondern verschließen sich vielmehr vor ihr, indem sie sich in ihre Bubbles zurück ziehen. Unterschiedliche politische Positionen oder weltanschauliche Deutungsmuster entstehen, weil Menschen die Fakten unterschiedlich interpretieren. Verschwörungstheoretiker hingegen leugnen die Fakten, oder weigern sich einfach sie zur Kenntnis zu nehmen. Unsere Welt ist gerade durch Globalisierung, Internet und gesellschaftliche Ausdiffernzierung in den letzten Jahrzehnten sehr komplex geworden. Davor darf man sich jedoch nicht in einfache Deutungsmuster flüchten.

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      1. Neckarsulm

        Es war schon ersichtlich, dass es nicht Ihrer Intention entsprach, die zugespitzt formulierten Ziele zu erreichen;)
        Doch glaube ich, die Empfangsbereitschaft für „spezielle“ Frequenzen wird zu großen Teilen in der Offline-Realität geregelt, doch blickt keiner in den Spiegel, wenn man doch sein Selfie betrachten kann(und ggf löschen und neu aufnehmen; ).
        Es ist eine Überdosis an Information. Mit den vorhandenen Mitteln und im Wettbewerb mit „YouTube Stars“, die zum Greifen nahe -und doch um so viel „besser“- sind.
        Ist doch verständlich, dass Argumente dann nicht besser werden, sondern die Streuweite maximiert wird.

        Es geht nur noch darum überhaupt Wahrgenommen zu werden. Trotz -oder durch -Avatar, eine Persönlichkeit zu sein, die nicht Teil der Bedeutungslosigkeit (der Anderen) ist… .

        Dieses Selbst-Bewusstsein definiert auch den Wert aller anderen Informationen – ebenfalls Immaterielle… .
        Im Netz finden wir nur die Symptome der Problematik, die Wurzeln liegen unter der Kruste der „echten Welt“.

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  4. Neckarsulm

    Ach,wenn ich gerade hier bin…
    Erst kürzlich habe ich einen Bericht über Aluhutträger und deren Steckenpferde gesehen. Unter anderem schimmerte durch, dass diese Fraktion wesentlich offener gegenüber anderen Verschwörungstheorien ist, wie der Konsument seriöser Medien. Auch in der Argumentation ( nennen wir es mal so) herrscht weniger Aggression und Bereitschaft das Gegenüber zu beleidigen.
    Wie repräsentativ deren Ergebnisse sind kann ich auf die Schnelle nicht einordnen, aber aus eigener Erfahrung und hunderten Forenstunden und Beiträgen kann ich dem nur beipflichten.
    Das geht irgendwie in die Richtung:
    Wer an der offiziellen Version von Whatever zweifelt, der hält in der Regel nicht an einer fixen Erklärung fest. Fix ist lediglich die Ablehnung der offiziellen Version.
    Diejenigen die der offiziellen Version die Treue geschworen haben, lehnen alles davon Abweichende ab. Das Objekt ist fix.
    Mich erinnert das an die typischen Konflikte der Jugend mit der Vorgänger-Generation;-)

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  5. Björn Kroker

    Hallo Thomas!

    Die Medienkompetenz der Jugendlichen lässt sich mit einigen Prüffragen sicheren Bestimmung von Verschwörungstheorien verbessern.

    1. Machen die Aussagen im Lichte des gesunden Menschenverstandes Sinn? Beispiel: Die Echsenmenschen sollen Gestaltwandler sein, die sowohl als Echsen als auch als Menschen auftreten können. Es gibt keine Gestaltwandler, das kann jeder aus seinem Alltagswissen versichern. Verschwörungstheorien, die solche Aussagen treffen, sind somit Unsinn.
    2. Wem nützt die behauptete Tatsache? Wenn Chemtrails die Bevölkerung vergiften sollen, wer hätte dann etwas davon? Die Regierung? Irgendwann fehlt ihr das Volk, das sie regieren könnte. Wenn es bereits wirksame Krebsmedikamente gibt und sie von der Bevölkerung zurückgehalten werden, warum sterben dann auch einflussreiche und wohlhabende Personen wie Steve Jobs an Krebs? Die Frage eignet sich gut, um geschichtsrevisionistische Aussagen zu erkennen. Beschuldigt eine Behauptung Polen oder die Sowjetunion, den Zweiten Weltkrieg provoziert zu haben, werden Opfer zu Tätern. Und die echten Täter, die den Krieg jahrelang systematisch vorbereitet und geplant haben, nämlich die faschistischen deutschen Eliten und ihre Unterstützer auf allen Ebenen, werden zu Opfern. Was sie und ihre Nachkommen im Geiste von ihren Verbrechen freispricht.
    3. Stimmt die Behauptung noch, wenn die Perspektive des Gegenübers eingenommen wird? Beispiel Mondverschwörung: Angenommen, die Amerikaner drehen die Mondlandung im Hollywoodstudio und kein einziger Akteur oder Mitwisser verrät diese Lüge. Wäre es denkbar? Nein, denn 1969 herrscht der Kalte Krieg. Mitten im Systemwettbewerb hätten die Sowjetunion und ihre Verbündeten mit Hilfe ihrer Radarstationen und Satelliten doch bemerkt, das keine Rakete gestartet wurde. Sie hätten sich lautstark über die inszenierte Mondlandung lustig gemacht. Ein solches Szenario ist also unglaubwürdig.
    4. Ockhams Rasiermesser: Verschwörungstheorien liefern nur scheinbar plausible Erklärungen. Durchdenkt man sie genau, sind sie oftmals viel komplizierter als die Wirklichkeit. Beispiel: „Zionistisch okkupierte Regierungen“. Um in Demokratien die Regierungspartei zu stellen, muss von der Partei ein Spitzenkandidat aufgestellt und ein Parteiprogramm geschrieben werden, die Parteibasis muss zustimmen. Der Wahlkampf muss strategisch geschickt geführt werden und die Koalitionsverhandlungen müssen erfolgreich abgeschlossen werden. Dabei sind unter anderem die wirtschaftliche Situation und wünschenswerte politische Maßnahmen, aber auch die landesspezifische politische Kultur im Land zu bedenken. Es gibt aus gutem Grund keine supranationalen Parteien, die gleichzeitig in verschiedenen Staaten zur Wahl stehen. Es gibt nur verwandte Parteien wie die Sozialdemokraten oder die Christdemokraten. Die Behauptung, dass eine geheim agierende Gruppe erfolgreich in mehreren Staaten die Regierungsmacht übernimmt, beruht also auf sehr vielen unausgesprochenen Annahmen. Sie machen solche Verschwörungstheorien unglaubwürdig, weil es enorm viel schwerer wäre, mit einer solchen Verschwörung erfolgreich mehrere Länder zu regieren, als sich schlicht und einfach demokratisch als Kandidat aufzustellen und wählen zu lassen. Ockhams Rasiermesser ist ein Prinzip, dass nun besagt, dass von zwei Behauptungen diejenige als wahr anzusehen ist, die von weniger Voraussetzungen ausgeht.
    5. Bewusstein für historische Zufälle: Natürlich gab es immer wieder in der Geschichte Momente, in denen erfolgreich Strategien zum Erreichen bestimmter Ziele umgesetzt wurden. Es gab aber auch das genaue Gegenteil, den historischen Zufall. Beispiel: Der Mauerfall wurde versehentlich von Günther Schabowski ausgelöst. In einer Pressekonferenz 1989 sollte nur vom neuen Reisegesetz gesprochen werden. DDR-Bürger konnten demnach ohne speziellen Antrag ins Ausland reisen. Schabowski wusste nicht genau, ab wann und unter welchen Bedinungen die Reisefreiheit in Kraft treten sollte. Eine Grenzöffnung noch am gleichen Abend war jedenfalls nicht geplant, ist dann aber als Fall der Berliner Mauer in die Geschichte eingegangen. Eine schlecht vorbereitete Pressekonferenz, eine Reformen fordernde Bevölkerung und überhaupt kein geheimer Plan. Auch so wird Geschichte geschrieben.

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    1. ThomasMorus1478ThomasMorus1478 Post author

      Hallo Björn,
      alle deine Argumente können mit Sicherheit sehr hilfreich sein, um Jugendliche oder andere weniger Medien-kompetente Menschen gegen Verschwörungstheorien zu immunisieren. Ich möchte aber davor warnen, quasi automatische Erfolge zu erwarten. Es ist schon ein sinnvoller Ansatz die Leute da abzuholen wo sie sind, indem man zum Beispiel auf Alltagswissen oder bekannte historische Ereignisse wie den kalten Krieg oder den Mauerfall verweist. Ein überzeugter Verschwörungshteoretiker wird darauf aber mit immer größeren Verschwörungen reagieren. Die Echsenmenschen sind ja gerade so gefährlich, weil sie im verborgenen agieren. Weil die US-Regierung wahlweise die Russen hinters Licht führen konnte, oder mit ihnen unter einer Decke steckt, zeigt ja erst wie mächtig sie sind. Und das Beispiel mit dem Mauerfall: Ich weiß nicht, ob du dich an unsere Vorlesung bei Wolfrum damals erinnerst: Da hat ein älterer Gasthörer nach der Vorlesung nämlich original gefragt: „Herr Wolfrum, was halten sie von der Theorie, dass Schabowski von der Bundesregierung bestochen wurde?“ Da sind wir wieder bei dem Phänomen, dass die komplizierteste Verschwörungstheorie wohl leichter zu akzeptieren ist als die Tatsache, dass manche Dinge einfach Zufall sind.

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