Von einer Menschheit, die sich kränken lässt

In seinem FAZ-Artikel formuliert Sascha Lobo vernichtende Kritik an der der Netzgemeinde. „Das Internet ist kaputt“. Doch Lobos Kritik ist einerseits naiv und andererseits nicht optimistisch genug.

Wenn man an Sascha Lobo denkt, kommt nicht Wenigen sofort eine Figur vor das geistige Auge: Der Blogger-Punk mit dem roten Iro, dem lächerlichen Schnurrbart und dem pseudoseriösen Sacko. Wie kaum ein anderer Mensch hat Sascha Lobo sich in den letzten Jahren sein Image aufgebaut. Durch diverse Blogbeiträge, Expertenkommentare und Interviews in den öffentlich rechtlichen Medien gilt er (zumindest für die ältere Generation) als die Personifizierung des Internets. Während die bekannte Imagefigur in den Augen der Gesamtbevölkerung den Nimbus einer kaum zu erreichenden Expertise vor sich herträgt, fragt man sich als Teil der Netzgemeinde bereits seit geraumer Zeit, was diesen Mann eigentlich so bewundernswert macht. Eingestandener Maßen besitzt Sascha Lobo nämlich weder eine ausgeprägte technische Kompetenz, noch ist er in wirtschaftlicher Hinsicht besonders erfolgreich. Nach einem Vortrag, den er selbst im Jahre 2011 hielt, musste er in seiner Karriere bereits dreimal mit einer GmbH Insolvenz anmelden, und hat in seinem Leben über 60 Menschen entlassen.
http://www.youtube.com/watch?v=m7udGNNvNrw

Die Frage, weswegen der Blogger bei einer derartigen Erfolglosigkeit nach wie vor seine eigene Existenz unterhalten kann, lässt sich relativ leicht beantworten: Es ist seine Bekanntheit, die wirtschaftliche Betätigungsmöglichkeiten und damit neue Bekanntheit ermöglicht.
Er selbst beschreibt dieses Perpetuum Mobile folgendermaßen:
„Die Aufträge, die meine Frisur generiert, leite ich an ein kleines Netzwerk von […] [etwa] zehn Leuten weiter.“

Es war also weder die technische noch die unternehmerische Kompetenz, die Sascha Lobo eine solche Berühmtheit eingebracht hat, dass er davon bis heute sein Leben bestreiten kann. Vielmehr ist er für die Online-Community zu einer Art Paris Hilton geworden: Er ist hauptsächlich berühmt dafür berühmt zu sein.

Die einzige wirklich außergewöhnliche Fähigkeit steht auf Seiten seiner journalistischen Arbeit. Denn kaum Jemand versteht es wie er die Trends der Online-Community zu analysieren und in Schriftform abzufassen. Mindestens die nicht primär internetaffinen Menschen können sehr viel von seinen Blogbeiträgen gewinnen. Und obgleich man als „Kenner“ nicht selten den Eindruck hat, dass in den Blogs nur literarisch präzise und schön formulierte Allgemeinplätze zu finden sind, gehörte ein Lobo-Beitrag in den letzten Jahren einfach zu jeder Internet-Debatte dazu.

Ich muss gestehen, dass die Faszination dieser Persönlichkeit auch mich durchaus erfasst hat. Nach zwei Firmenpleiten noch eine dritte Firma gründen. Trotz regelmäßiger Anfeindungen auch zum gefühlt 50. Mal im Nachjounal aufzutreten. Aus seinen Blogs, bei allen inhaltlichen Defiziten, journalistische Prosa zu machen. All das beeindruckte mich.

All das war so, bevor ich am Sonntagmorgen des letzten Wochenendes beschloss, den Link endlich anzuklicken, der mir schon vom Fünften Kontakt bei Facebook empfohlen wurde. Und als ich den mittlerweile berüchtigten Artikel „Abschied von der Utopie“ zu überfliegen begann, kippte mir fast die Kaffeetasse am Schreibtisch um.

Sascha Lobo, der berühmteste unter den Online-Journalisten hat sich also entschlossen, die Vision einer besseren Welt, die er seit Jahrzehnten zu vermitteln versuchte, für einen Showeffekt und etwas Aufmerksamkeit über die NSA-Affäre zu opfern.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/abschied-von-der-utopie-die-digitale-kraenkung-des-menschen-12747258.html

Dieser Artikel löste einen entschlossenen, inneren Protest in mir aus, sodass er schließlich für mich zum Anlass wurde meinen lang gehegten Plan in die Tat umzusetzen, und einen Blog zum Thema Medien und Literatur zu eröffnen. Das Internet und der Traum einer besseren Welt. Die Vision von Vernetzung, von Selbstverwirklichung, von neuen Möglichkeiten für Demokratie und Menschenrechte. All das soll mit einem Mal wertlos geworden sein, weil die NSA Datenspionage (in zugegebenermaßen exorbitantem Ausmaß) betreibt? Nein mein lieber Herr Lobo. Für diese Visionen lohnt es sich zu kämpfen, gerade wenn sich offenbart hat, dass ihnen von einer bestimmten Seite her Gefahr droht.

Was präsentiert uns Sascha Lobo in seinem Artikel?Die NSA und die vollständige Durchdringung des Internets mit ihren Spionagemechanismen habe das Internet zerstört, und ihm die Fähigkeit genommen ein Medium der Freiheit, Kultur und Demokratie zu sein. Weil Informationen immer zugleich Macht bedeuten, wurde das komplette Web in ein Herrschaftsintrument der amerikanischen Geheimdienste verwandelt. Lobo geht sogar so weit die Enthüllung dieser Zusammenhänge durch Edward Snowden als die „Vierte Kränkung“ des Menschheitsgeschlechts nach Freud zu bezeichnen.

Es liegt nun in der Natur des Internetaktivisten Ereignisse, die sein eigenes Feld betreffen, überzuinterpretieren. Wer meint, dass Snowden die „Vierte Kränkung“ der Menschheit ausgelöst hätte, der muss sich die Frage gefallen lassen, ob diese Kränkung nicht schon vorher passiert ist. Etwa als ein Diktator erfolgreich eine Welt in den Krieg stürzen konnte. Oder als die Erfindung einer Bombe die als sicher geglaubte Lebensumgebung auf der Erde zur Variable machte. Vielleicht als die „real existierende soziale Utopie“ auf dem Planeten ihr Ende fand. Als sich unser Wirtschafts- und Finanzsystem als scheiterbar erwies, als sich herausstellte, dass wir uns genetisch kaum von einer Fliege unterscheiden, oder als ein Atomkraftwerk in Japan uns lehrte was „Restrisiko“ wirklich bedeutet. Schon nach kurzer Überlegung entpuppt sich die „Digitale Kränkung“ also nur als die fünfundneunzigte vierte Kränkung seit Freuds Tod.

Die digitale Welt, so Lobo weiter, habe mittlerweile jeden Bereich unseres Alltagslebens durchdrungen. Jeder, auch die „Nicht-Facebook-User“ seien daher von der Spionage betroffen. Kein Lebensbereich könne nun mehr vernünftig arbeiten, da die NSA alle Geheimnisse kenne. Die Politik könne nicht mehr unvoreingenommen verhandeln. Die Wirtschaft sei ohne Firmengeheimnisse und Entwicklungen nicht mehr konkurrenzfähig. Die Netzgemeinde müsse ob des furchtbaren Missbrauchs „ihres Internets“ verzweifelt in Tränen ausbrechen. Und selbst wer kein Facebook und kein Twitter benutze, der müsse erkennen, dass die NSA sogar speichern könne, wie viele und was für Briefe ihn täglich erreichten.

Generell gesprochen wirft Lobos Analyse die Frage auf, welches blauäugige Bild vom Internet er bis zu diesem Tage eigentlich hatte.
Wenn uns die seit Jahren schwelende Debatte über Vorratsdatenspeicherung, Providerinformationen und den „gläsernen Menschen“ etwas gelehrt hat, dann war es doch wohl, dass jeder einzelne Klick, der im Internet getätigt wird, nachvollziehbar ist. Die Detaildebatte dreht sich darum, wer auf diese Daten zugreifen darf und wer nicht, doch dass diese Daten prinzipiell existieren streitet niemand ab.

Es sind doch nicht nur staatliche Behörden, die Trilliardenfach Daten privater, öffentlicher und geschäftlicher Nutzer abrufen, sondern die großen informationellen Firmen wie Google, Facebook etc. tun dies schon seit Jahren. Und der Netzcommunity ist dies mit Nichten entgangen. Vor Jahren sagte ein Bekannter von mir, der im SEO-Bereich arbeitete, mit einem spaßigen Lächeln: „Wir sind doch alle nur Sklaven von Google.“ Was die NSA nun bekanntermaßen tat, um politische Macht und Herrschaft zu sichern, das taten Internet-Firmen schon seit Jahren mehr oder minder öffentlich, um kundengerechte Werbung zu schalten. Als 2009 bei der Einführung von Google Streetview 2 Millionen private E-Mails in Datenbanken von Google auftauchten, gab es einen medialen Aufschrei, den kaum Jemand ignorieren konnte. Was nun über die NSA bekannt geworden ist, ist ein neues Ausmaß eines Problems, dass aber bereits bekannt ist.

Sascha Lobo schreibt in seinem Artikel:
„Jede Verteidigung sozialer Netzwerke etwa – auch ich habe das oft getan – muss nachträglich ergänzt werden um die Tatsache, dass soziale Netzwerke auch ein perfektes Instrument sind, um einen Sog privatester Informationen ins Internet zu erzeugen.“

Aber warum wird ihm das erst jetzt klar? Schon lange vor dem Snowden-Skandal wurden die Funktionsweise sozialer Netzwerke und ihre Gefahren nicht nur in Minderheitenforen und Untergrundblogs sondern auch in der Tagesschau thematisiert. Nicht erst seit gestern gilt der Leitsatz: Wenn du nicht willst, dass etwas öffentlich wird, dann stelle es nirgendwo ins Internet.
Die Partizipationsmöglichkeiten, die Selbstverwirklichung, Vernetzung, die demokratische und wirtschaftliche Vorteile bedeutet, haben einen Preis, den Preis, dass Daten potentiell von Dritten missbraucht werden können. Das Internet ist ein Werkzeug. Und wie jedes Werkzeug kann es für die verschiedensten Zwecke eingesetzt werden. Für Freiheit oder für Versklavung. Für Gerechtigkeit oder für Verbrechen. Für den wirtschaftlichen Vorteil der gesamten Gesellschaft oder für die Interessen einiger Weniger.

Der NSA-Skandal hat viele, hat auch mich in tiefe Bestürzung versetzt. Das Ausmaß, dass die illegale Datenausspähung durch staatlich legitimierte Geheimdienste angenommen hat, hat Jeden, hat auch mich verstört. Doch es hilft Nichts unsere Träume und Wünsche zu beerdigen, weil es nun einmal geschehen ist. Das Internet kann die Selbstverwirklichung des Menschen, kann die Steigerung wirtschaftlicher Produktivität für alle, kann die Demokratie revolutionieren. Das haben tausende kreative Portale, tausende Internetstartups, das haben die Spendenaktionen zur ersten Wahl Barrack Obamas und die arabische Revolutionen bewiesen. Doch das Internet kann auch den Alptraum der menschlichen Gesellschaft gebären: Einen Überwachungsstaat, wie ihn sich Orwell nicht hätte vorstellen können.

Wenn wir gegen die kriminellen Auswüchse der privaten wie staatlichen Datenmissbraucher vorgehen wollen, so sind wir alle gefragt. So sind die Rentner aufgefordert sich zu informieren, die bisher Wenig bis gar Nichts mit dem Internet anfangen konnten. So sind die Kinder und Jugendlichen aufgefordert genau zu überlegen was sie von sich öffentlich machen wollen und was nicht. So sind die jungen und älteren Erwachsenen gefordert ihre private wie geschäftliche Kommunikation zu verschlüsseln und (man höre und staune) sensible Daten a-n-a-l-o-g zu kommunizieren. So sind unsere Unternehmen gefragt Mittel und Wege zu finden die infrastrukturelle Abhängigkeit von den USA zu verringern und langfristig ganz abzuschaffen. Und vor allem ist unsere Politik gefragt. Unsere Kanzlerin und unser Außenminister, deren Parteien bei den letzten Bundestagswahlen mit einer fast allumfassenden Mehrheit ausgestattet wurden. Diese breite gesellschaftliche Legitimation muss nun genutzt werden, um den USA gestärkt entgegenzutreten. Selbst wenn dies kurzfristige wirtschaftliche und politische Verwerfungen zu Folge haben wird. Die NSA hat genügend rote Linien überschritten.

Lobos finaler Vergleich zielt auf einen „neuen“ Internetoptimismus. Obgleich die Indianer die Kleider der Europäer als verseucht erkannt hätten, sei das Prinzip Kleidung für sie nicht prinzipiell nutzlos geworden.
Die Welt braucht keinen neuen, sondern einen realistischen Internetoptimismus, der die Chancen und auch die Risiken des Internets sieht. Und die Welt braucht einen populären Vertreter der digitalen Community, der weiß, dass das Internet ein Kampfplatz ist. Ein Kampfplatz auf dem jeden Tag aufs neue um Menschenrechte, um Datenautonomie, um Freiheit gestritten werden muss… Bis die finale Kränkung des Menschheitsgeschlechts alles beendet.

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