Das vergoogelte Internet

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Google hat das Web revolutioniert. Der schnelle und clevere Suchmaschinen-mechanismus hat die Art und Weise verändert, wie wir Internet wahrnehmen. Doch die Quasimonopol-Stellung des Netzriesen hat negative Folgen. Und die Sammlung intimer Daten über die Google-Nutzer ist moralisch und rechtlich mehr als fragwürdig.

Kein einzelnes Unternehmen hat die Geschäftswelt, die Medienbranche und die öffentliche Wahrnehmung jemals so stark geprägt wie der Konzern Google im letzten Jahrzehnt. Das Logo ist zu einem Allgemeinplatz geworden. Die Website dient einer endlosen Zahl von Internetnutzern als Startseite. Der Gebrauch des Suchdienstes ist sprichwörtlich geworden. Man sucht nicht mehr, man googelt. Von vormaligen Konkurrenten wie Bing, Lycos oder Yahoo redet man nur noch, um ihre katastrophal schlechten Geschäftsbilanzen mit dem Erfolg von Google zu kontrastieren. Der clevere Suchalgorithmus, der seine Entwickler reich gemacht hat, prägt heute das ganze Internet.

Ein ganzer Berufsstand, ein ganzes Heer von professionellen SEO-Managern optimiert heute Internet-Seiten nach den Kriterien, die Google ihnen vorgegeben hat. Wer seine Seite nicht genau so gestaltet, dass der Google-Crawler sie als „Suchwort-relevant“ einschätzt, der hat kaum eine Chance mehr gefunden zu werden. Somit wird auch niemand auf seine Seite kommen, seinen Content konsumieren oder Werbebanner anklicken. Wer seinen Internetauftritt heute nicht nach den Kriterien optimiert, die der Crawler bei der Ordnung der Suchergebnisse heranzieht, droht in der endlosen Masse der Seiten und in der Bedeutungslosigkeit unterzugehen. Wie weit unsere Gesellschaft auch dadurch fortgeschritten ist, dass jeder weiß, mit welchen Mitteln er die Seite finden kann, die er sucht, für den Konkurrenzkampf der Seiten-Anbieter hat er fatale Folgen. Wer keinen professionellen Sachverstand zu Hilfe holt, wird mit seiner Seite nicht mehr voran kommen.

Vernetzte Dienste und Markt-beherrschende Stellung

In Deutschland nutzen mehr als 80% der Internetnutzer regelmäßig Google. Die Seite hat nicht nur in Europa eine Quasimonopolstellung erreicht. Wenn Google die Kriterien für sein Ranking umstellt, hat dies Auswirkungen auf die ganze Internetbranche. Anbieter müssen ihre Geschäfte schließen, wenn sie nicht mehr gefunden werden. Andere Seiten-Anbieter steigen auf und können reich werden. Die Marktmacht der Suchmaschine scheint fast grenzenlos zu sein. Und war der Konzern zu Beginn nur auf den Suchalgorithmus konzentriert, so hat er mit der Zeit immer mehr unersetzliche Dienste geschaffen.

Durch die Übernahme von Youtube gelangte Google in den Besitz der weltgrößten Videoplattform, bei der minütlich 72 Stunden an Videomaterial hochgeladen werden. Gleichzeitig Unterhaltungsmedium und soziales Netzwerk hat Youtube ein fast endloses Wachstumspotential. Die Werbung vor jedem Video macht es dabei auch wirtschaftlich mehr als interessant. Googles Entscheidung die Anbieter von Videos, die mehr als 6 000 Klicks erhalten haben, finanziell an den Gewinnen zu beteiligen, war sicherlich ein Quantensprung für die digitale Kultur. Nun, da man mit Youtube-Videos mindestens als Nebenverdienst Geld verdienen kann, werden viele kreative, junge Menschen auf diese Seite gezogen.

Das soziale Netzwerk Google+ soll Facebook Konkurrenz machen. Obwohl die integrierten „Circles“ eine kreative und sinnvolle Idee sind, ist der große Run von Facebooknutzern zu Google+ ausgeblieben. Da es aber seit Oktober 2013 verpflichtend ist sich bei Google+ anzumelden, um Kommentare bei Youtube zu veröffentlichen, wird dieses Netzwerk notwendigerweise auch stetig weiter wachsen.

Die Qualität einer Wegbeschreibung bemisst sich heute daran, ob man den beschriebenen Ort auf der Onlinekarte Googlemaps wieder findet.

Googlenews hat die Art und Weise verändert, wie eine ganze Generation Informationen und Medien wahrnimmt. Wie man in Foren, an Youtubern wie Lefloid und Mr. Trashback und an Satiremagazinen wie dem Postillon sehen kann, setzt Google-News die Themen für die Agenda der Netzgemeinde.

Nerdige Brillen und Uhren sowie ein eigenes Betriebssystem Android haben Google den erfolgreichen Einstieg in die Hardwarebranche gebracht. Der jüngste Einkauf des VI-Spezialisten DeepMind soll die Suchmaschinenergebnisse weiter verbessern.

Traumarbeitgeber und personalisierte Werbebanner

Wie ist das Unternehmen nun zu bewerten, dass 1998 von den beiden Programmierern und Selbsterklärten Nerds Larry Page und Sergey Brin gegründet wurde?

Computeraffine Mitarbeiter von Google genießen die angenehmsten Privilegien. Sie bekommen sogar Freiräume, um an eigenen Projekten zu arbeiten, die nichts mit den Unternehmenszielen zu tun haben. Der Konzern tut alles, damit kreative, junge Leute zu ihm kommen und bei ihm bleiben, weil sie sich wohlfühlen. Kein anderes Unternehmen hat soviel für die berufliche und private Vernetzung der Menschen getan. Durch die neuen Möglichkeiten der Veröffentlichung und Präsentation hat die Kultur im Internet durch die verschiedenen Google-Dienste eine neue Dimension erreicht.

Doch immer wieder werden auch kritische Stimmen laut. Denn wie generiert Google die Milliardeneinahmen, die der Konzern jährlich einnimmt? Durch zielgerichtete Werbung, die auf detaillierten Informationen über Nutzer beruhen. Und um an diese Informationen zu kommen, setzt Google zum Teil sehr fragwürdige Mittel ein.

Die Datenkrake lebt

Die Daten der sozialen Netzwerke, die Youtube-Zugriffe, die Suchstatistiken. Jeder Klick, den ein User auf einem Google-Projekt tätigt, wird genau verfolgt und durch Adwords, das Google Anzeigenprogramm verwertet. Jede Information wird erfasst und statistisch ausgewertet. Und hierzu werden mutmaßlich auch rechtlich fragwürdige Mittel eingesetzt. Vor vier Jahren fuhren Automobile durch die Republik, die für die Einführung des Dienstes Google-Street-View Bilder der Häuserfassaden fotografierten. All die Diskussion um Privatsphäre und Verpixelung hat im Langzeitgedächtnis einen Skandal überschattet, der damals eher eine Nebenschlagzeile war. In den Google-Autos fanden sich nämlich Millionen von gespeicherten Daten über private W-Lan-Netze. Auf eine Rückfrage der Bundesdatenschutzbeauftragten räumte Google daraufhin ein, ihre Fahrzeuge systematisch mit Technologie ausgestattet zu haben, um W-Lan-Netze zu erfassen. Hierbei wurden mutmaßlich nicht nur technische Daten, sondern auch private Nutzernamen gespeichert, ohne dass die Behörden im Genehmigungsverfahren oder die Inhaber der W-Lan-Netze davon in Kenntnis gesetzt wurden.
http://www.bfdi.bund.de/DE/Oeffentlichkeitsarbeit/Pressemitteilungen/2010/GoogleWLANScanning.html

Google wurde mittlerweile von einem Gericht wegen diesem Sachverhalt zu einer Geldstrafe verurteilt. Zwischen „Haus fotografieren“ und „in digitalen Speicher innerhalb eines Hauses eindringen und die privaten Netzwerkdaten speichern“ besteht nun doch ein gewisser Unterschied, sodass dies wohl kaum versehentlich passieren konnte. Angesichts dieses Delikts, bekommt man als User den leichten Eindruck für dumm verkauft zu werden.

Auf Grund der immensen Informationen, die Google mit legalen wie auch mit scheinbar illegalen Mitteln sammelt, wird der Konzern oft als „Datenkrake“ bezeichnet. Die Position, die von Google-Pressesprechern zumeist vertreten wird, ist die folgende:
„Wer sich bei einem Google-Dienst einloggt, kann die personalisierteren und daher passenderen Dienste dieses Produkts nutzen. Im Gegenzug müssen auch Daten über den User erhoben werden, um die Dienste des Produkts auf den ihn abzustimmen. Dem Internetnutzer bleibt aber auch die Wahl sich nicht einzuloggen, wodurch er nicht in den Genuss der optimierten Dienste kommt, aber auch keine Informationen von sich preisgeben muss.“

Verletzung der Intimsphäre

Nachdem ich selbst nun seit Jahrzehnten im vergoogleten Internet verkehre, nachdem ich mit mehr und mit weniger internetaffinen Freunden und auch mit technischen Spezialisten gesprochen habe, kann ich sagen: Diese Aussage ist unwahr. Google erfasst auch dort Daten, wo der User sich nicht bei seinen Diensten einloggt. Und diese Sammlung geschieht auch ohne Wissen und aktive Einwilligung des Nutzers. Wer ist sich schon darüber im klaren, unter was für juristischen Rahmenbedingungen er gerade eine Website nutzt?

Jeder Internetnutzer, ob er in einem sozialen Netzwerk angemeldet ist oder nicht, hinterlässt im Internet einen spezifischen Fingerabdruck. Der Abdruck besteht aus der Konfiguration seines Betriebssystems, der Modifikation seines Browsers, seinen Vorlieben und den Seiten, die er regelmäßig aufruft. All das verdichtet sich zu einem Profil, das wiedererkennbar ist, wenn man eine Seite betritt. Und diese Profile können gespeichert werden.

Man könnte nun sagen: das alles ist nicht weiter schlimm. Daten erheben? Wer das Internet nutzt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass die dort veröffentlichten Informationen nachvollziehbar sind. Und was für Daten geraten denn auf diese Weise an die Öffentlichkeit?

Einige persönliche Beispiele von mir und meinem Bekanntenkreis:
Ich gerate über einen Link auf die Seite eines Verlags, stelle aber nach wenigen Minuten fest, dass es sich um einen Druckkostenverlag handelt und verlasse die Seite wieder. Die Werbung dieses Verlags verfolgt mich allerdings wochenlang und lächelt mir von Anzeigen auf zahllosen Seiten entgegen.
Ein User hört sich nach dem Ende einer Beziehung bei Youtube einige Videos mit trauriger Musik an. Daraufhin werden ihm wochenlang Beziehungscoachs, Datingseiten und Onlineratgeber: „Wie gewinne ich meine Ex zurück“ angezeigt. Egal auf welcher Seite er sich bewegt, die Google-Adwords-Anzeigen finden ihn.
Ein anderer Bekannter leidet an einer exotischen, sehr privaten Krankheit. Als er sich unvorsichtigerweise bei Google über diese informieren will, speichert die Seite sein Profil. Seitdem wird ihm auf jeder Seite, die Adwords benutzt, Werbung für spezialisierte Praxen und Versandapotheken angezeigt, die Medikamente gegen diese Krankheit anbieten. Ein dritter Bekannter ist vor kurzem arbeitslos geworden. Es dauerte wenige Tage, dann schalteten die Google-Anzeigen Werbung für Internetjobbörsen wie Xing, Monster.de und Stepstone.

All diese Beispiele zeigen, wie Google mit seiner Informationssuche nicht mehr nur die Privatsphäre sondern die unter besonderem juristischen Schutz stehende Intimsphäre verletzt. Arbeitslosigkeit, sensible Krankheiten, der Beziehungsstatus. Mit welchem Recht sammelt der kreativste und zukunftsorientierteste Konzern der Welt derartig intime Daten?

Wohin soll das führen?

Es ist kaum ein Szenario denkbar, in dem Google nicht ein dominierender Faktor des Lebens 2.0 werden wird. Die Rolle die Google für die digitale Kreativbranche spielt, ist kaum zu überschätzen. Förderpreise, zur Verfügung Stellung von Content, Möglichkeiten zur Vernetzung. Kultur, die erfolgreich vermarktet sein will, findet heute im Internet statt.
Google hat auch die Arbeit in Büros, in Kliniken, in Redaktionen und Universitäten verändert und meistens zum Besseren. Das Google bisher von größeren Skandalen über die Ausbeutung von Mitarbeitern verschont geblieben ist, spricht dafür, dass der Konzern mehr als andere auf die Zufriedenheit seiner Mitarbeiter achtet. (Was auch damit zusammenhängen mag, dass der Konzern für das Anbieten seiner Dienste vornehmlich hochqualifizierte Arbeitskräfte benötigt, die selten unter schlechten Arbeitsbedingungen zu leiden haben)

Doch ein Konzern, auch ein noch so gesellschaftsprägender, kulturfördernder, innovativer und produktiver Konzern wie Google muss sich an Recht und Gesetz halten. Das ist das Versprechen auf dem unser Rechtsstaat aufgebaut ist. Und dieser Rechtsstaat ist die grundlegende Ordnung, die gesellschaftliches Leben erst möglich macht… Auch im Internet.

ThomasMorus1478

About ThomasMorus1478

Online Redakteur, Journalist und Blogger mit vielen Interessen. Studierter Historiker und Philosoph. Internet und Social-Media Freak. Literatur-verrückt und Youtube-abhängig. Schreibt sowohl Journalistisches als auch Belletristik.

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